Adolf Bleichert

Adolf Bleichert und sein Werk

Auszug aus einem Kurzvortrag zur Persönlichkeit und dem Unternehmer, vorgestellt durch Dr. Manfred Hötzel, Leipzig (2010)

 

Die Geschichte beginnt 1874.

Am Anfang stand ein kleines Ingenieurbüro, das der junge Ingenieur Adolf Bleichert 1874 mit seinem Studienkollegen Theodor Otto in Schkeuditz bei Leipzig gründete.

Neben den beiden Inhabern gab es anfangs nur 1 oder 2 Mitarbeiter und nur wenige Aufträge.  1875 gab es z. B. 13 Aufträge für Drahtbahnen oder Luftbahnen, wie man die DSBen (Draht-Seil-Bahn) zunächst nannte.

1899 war aus dem Ingenieurbüro – nach mehreren Umzügen – eine Firma geworden, die sich im Übergang zu einem Großbetrieb befand und in alle Welt lieferte. Sie hatte einige Hundert Beschäftigte und hunderte Aufträge im Jahr.

1899 wurde unter anderem die 1.000 DSB zum Transport von Kupfererz nach Thio auf Neukaledonien geliefert, einer großen Insel im Stillen Ozean nördlich von Australien, damals französische Kolonie, heute ein französisches Überseedepartement [Abbau noch heute].

Das Jahr 1899 stellt eine erste bedeutsame Etappe dar, nicht nur wegen der runden Zahlen: 25 (Jahre) und 1.000 (DSB) ein Jubiläumsjahr !

Dazu kommt: seit 1899 mußte Adolf Bleichert sich allmählich von der Tagesarbeit in der Firma zurückziehen.   Er war erkrankt an Tbc, der Volkskrankheit, die damals nicht heilbar war. Er hielt sich mehrmals zu längeren Kuren im Schweizer Kurort Davos auf.

Er behielt sich allerdings während seiner Abwesenheit Grundsatzentscheidungen für die Firma vor. In Briefen aus Davos an seinen Schwager Karl Streitzig, den Direktor der Abt. DSB, lehnte er sowohl die Trennung des Betriebes in eine Abt. DSB und Abt. Transportanla- gen als auch den Anschluß des Gohliser Werkes an die Reichsbahn ab. Beides hatte Streitzig vorgeschlagen. Beide Projekte wurden nach dem Tod A. Bleichert’s verwirklicht.

Die Kuraufenthalte waren vergeblich. A. Bleichert starb 1901 in Davos.

Zwischen 1874 und 1899 lagen 25 Jahre angestrengter Arbeit, in denen sich der Ruhm A. Bleichert‘s, sein Beitrag zur Technik- und Wirtschaftsgeschichte begründete.

Wie war das möglich ?

Es war möglich, weil auf A. Bleichert die Redewendung zutrifft:  Der richtige Mann mit den richtigen Ideen zur richtigen Zeit.

 

Der richtige Mann

Vorfahren stammen aus Mitteldeutschland, dabei aus sozial sehr verschiedenen Schichten: Rostwender am Hochofen im Mansfeldischen – höfischer Beamter bei einem Duodezfürsten

Bildungsweg:

  • Adolf Bleichert stammt aus einer Aufsteigerfamilie.

Vater August Bleichert schaffte es vom Mühlknappen, also Knecht oder Müllerburschen, den wir  aus Grimms Märchen kennen, zum Mühlenpächter, also einem vermögendem Mann.

Ein Mühlenpächter musste als Pachtsumme einige Tausend Gulden oder Taler aufbringen, je nach Landeswährung. August Bleichert bewegte sich meist in Preußen, bevor er 1856 die Gohliser Mühle vom Rat der Stadt Leipzig pachtete.

  • Adolf Bleichert war der einzige Sohn neben 4 Schwestern.

Er studierte Maschinenbau an der Gewerbeakademie Berlin, einer Vorgängerin der heutigen TU Berlin.  Danach arbeitete er in der Mühlenbaufirma Martin in Bitterfeld  und in der Eisengießerei und Maschinenfabrik Halle in Schkeuditz.

Sein Interesse galt aber einer technischen Neuerung, den DSBen (Draht-Seil-Bahn).

Persönliche Eigenschaften und Charakter:

Adolf Bleichert war zielstrebig, willensstark, fleißig, ehrgeizig, Patriarch in Familie und Firma, kurz – er war eine Führungsperson.

Starker christlicher Glaube. A. Bleichert war einige Jahre im Vorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde (Leipzig-) Gohlis, er leitete den Finanzausschuß des Kirchenvorstandes.    1900 stiftete er ein farbiges Kirchenfenster für die Gohliser Friedenskirche mit dem Motiv der Bergpredigt.

Friedenskirche 004

Darauf ist er unter den Zuhörern des predigenden Jesus mit seiner Familie abgebildet. Das Fenster wurde im 2. Weltkrieg bei Bombardierung Leipzigs zerstört.  Bergpredigt: Bibel: Anweisung zur christlichen Nächstenliebe, „Liebe Deine Feinde !“

In seinem Testament bedachte er mehrere kirchliche Institutionen mit Geld.

Persönliche Interessen:

– Gärtnerei: er lässt auf seinem Wohngrundstück einen großen Garten anlegen, 2 Teile Obst- und Gemüsegarten und Ziergarten mit Bäumen, Sträuchern, Wegen, dazwischen Gewächshaus, zur Pflege Anstellung eines Gärtners.

– Besuch von Gewandhauskonzerten

Ansonsten ist über A. Bleichert als „Mensch“ wenig bekannt, z. B. keine politische Äußerung oder Betätigung, Ursache dafür ist wohl weniger fehlendes Interesse, als fehlende Zeit.  A. Bleichert widmete seine Kraft der Firma und der Familie.

 

Die richtige(n) Idee(n)

Lasten schwebend durch die Luft zu befördern war keine neue Idee, z. B. mit Hanfseilen seit Jahrtausenden üblich.

Aber nach der Erfindung des geflochtenen Drahtseils 1834 durch Bergrat Julius Albert in Clausthal ergaben sich neue Möglichkeiten.

Was brachte A. Bleichert ein ?:

  • das Drahtseil auch als Laufbahn. Anfangs war die Laufbahn eine Schiene (wie bei der Eisenbahn), aus Rundstabeisen zusammengeschweißt

  •  die Zweiseilbahn, die Trennung von Last- und Zugseil. In England und USA dominierte die Einseilbahn, durch Hodgson eingeführt.

  • die Lastenverteilung, die Fördergefäße (Wagen oder Lohren) laufen nicht geschlossen (wie bei der Eisenbahn), sondern einzeln in regelmäßigen Abständen

  • das Kupplungs-System, mit der die Verbindung der Wagen mit dem Zugseil praktiziert wird, die auch Trennung und Wiederanschluß der Wagen vom bzw. an das Zugseil ermöglicht.

Dafür entwickelte A. Bleichert die Exzenter-Friktionskupplung, die 1875 patentiert wurde.

 

Hauptverdienst A. Bleichert‘s war aber nicht einzelne Erfindung, sondern:

1. Kombination der o. g. Elemente zu einem funktionierenden System

2. Praktische Erprobung auf einer Versuchsbahn Gohlis bei Leipzig 1874, A. Bleichert hat vermutlich sogar mit Modellen gearbeitet

3. Herstellung in eigener Firma, heute: „Überführung in die Produktion“ genannt, erfolgreich und gewinnbringend

 

Das unterscheidet ihn von anderen, die auch einen Beitrag zur Entwicklung der DSB geleistet haben wie z. B. Franz Fritz Freiherr von Dücker, der schon in den 1860er Jahren eine DSB konstruiert hatte, Vorführung in Bad Oyenhausen, Dückers Seilbahn war aber primitiver und es gab nur ein Exemplar.

Deshalb kann man vom Bleichertschen oder deutschen DSB-System sprechen (als Zweiseil- system) im Unterschied zum englischen Einseilsystem.

Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1934, 17. Bd., S. 254 zum Stichwort: Seilbahn: „Der auf eine wissensch[aftliche], methodisch durchgearbeitete Grundlage gestellte Bau von Drahtseilbahnen wurde aber erst durch den deutschen Ingenieur Adolf Bleichert geschaffen, dessen Schöpfungen weltbekannt wurden.“

 

Die richtige Zeit

1875-1900, das letzte Viertel des 19. Jhs. – eine Aufstiegsperiode industrielle Verfahren drangen in viele Wirtschaftszweige ein, die Großindustrie breitete sich aus, das führte zur Massenproduktion, damit entstand ein Transportproblem zunächst Lösung durch die Eisenbahn, aber die Eisenbahn war nicht anwendbar oder nicht effektiv in schwierigem Gelände oder im innerbetrieblichen Transport.

Die Lösung dafür ist die DSB: Transport von Massengut durch die Luft schwebend, angewandt vor allem in Bergbau, Hüttenwesen, Bauwesen, auch Landwirtschaft.

Transportiert werden Rohstoffe, Eisenteile, Erze, Koks, Abraum, Ton, Kali, Zuckerrüben

Die DSB tritt ihren Siegeszug als Lastenseilbahn an. Höhepunkt nach 1900 bis etwa zum 2. Weltkrieg  (erstes Drittel des 20. Jh.).

In dieser Zeit wird die Nutzung der Seilbahn auch auf andere Weise nochmals erweitert.

In der richtigen Erkenntnis: wenn man Materialien durch die Luft transportieren kann, kann man bei entsprechender Sicherheit auch Menschen transportieren.

Die DSB wird zur Personenbahn oder Personen-Seilschwebebahn. Mit ihr werden seitdem vor allem bis dahin unzugängliche Gebiete im alpinen Gegenden für den Massen-Tourismus erschlossen.

Zugleich wird im Laufe des 20. Jh. die Lastenseilbahn von Auto, Flugzeug, Hubschrauber und anderen Transportmitteln abgelöst.  Sie ist heute Geschichte.  Es gibt vermutlich nur noch wenige Lastenseilbahnen in Betrieb.

Bleichert-AK

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Er verkörperte die für das 19. Jh. typische Einheit von Ingenieur/Erfinder und Unternehmer/Kaufmann.

Er stand neben anderen Unternehmern, die heute noch bekannt sind wie z. B. Alfred Krupp, Werner Siemens, Rudolf Diesel, Ernst Abbé, Carl Zeiß, um nur einige zu nennen.

In Abwehr von Angriffen des Konstrukteurs Theodor Obach (Wien), der selbst in einer eigenen Firma Drahtseilbahnen konstruierte, schrieb Adolf Bleichert in einem Brief vom 4. Mai 1877:

„ Tatsache ist denn auch, dass weder Herr Obach der geistige Urheber dieses Transportsystems ist, wie er sagt: ‚jedes einzelne Detail selbst aus eigenen Innern erfunden hat’, noch dass ich mich jemals als solchen hinzustellen gesucht habe. Vielmehr besteht das Verdienst, das ich glaube für meine Person beanspruchen zu dürfen, lediglich darin,  dieses System auf Grund mehrjähriger Versuche und Erfahrungen in allen einzelnen Teilen zu einer derartigen Vervollkommnung ausgebildet zu haben, dass dasselbe eine wirkliche, p r a k t i s c h e Bedeutung erlangt hat.“

Zitiert nach Wettich, Hans: Zur geschichtlichen Entwicklung der Drahtseilschwebebahnen, Wittenberg 1914, S. 14  (Hervorhebung im Original)

Wenn also die Bedeutung Adolf Bleicherts vor allem von einigen Konkurrenten bezweifelt wurde, neben Obach z. B. auch von Julius Pohlig, so dürfte aus historischer Perspektive seine Leistung um so klarer hervortreten. Hier gilt ein Spruch Friedrich Rückerts:

„Ob Du von mir dies hast, ob ich von Dir – wer weiß ?

Wer besser, nicht wer eh’r es machte, trägt den Preis !“

Allerdings, mit dem Verschwinden der DSB als Lastenbahn und dem schnellen Fortgang der technischen Entwicklung im 20. Jahrhundert beginnt sein Name zu verblassen. Er ist, im Unterschied zu den o.g. Unternehmern, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden und nur noch Spezialisten und Historikern bekannt.

 

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Alle diese Elemente bildeten in ihrer Gesamtheit das Bleichertsche oder deutsche Drahtseilbahn-System (BDS).

Weitere Informationen:  PDF-Dokument  Sonderausgabe Gohlis Forum 2010